Endlich viel Platz – Zwei Museen, ein Ort
Mit der Umgestaltung des Monumentalbaus von 1884/87 vervierfacht sich die Fläche für die Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts. Nachdem nun auch die zwei letzten Gastmuseen – das Grüne Gewölbe und das Münzkabinett – 2004 wieder in ihre ursprüngliche Stätte, ins Residenzschloss, zurückkehren konnten, teilen sich nun die Skulpturensammlung und die Galerie Neue Meister das Haus alleine. In einer neuen Präsentation können zukünftig auch bislang wenig gezeigte Schätze ausgestellt werden. Innerhalb der Staatlichen Kunstsammlungen kommt dem neuen Albertinum somit eine ganz wesentliche Aufgabe zu: Die Probleme der gegenwärtigen Welt in der Kunst gespiegelt, vertieft und gebrochen immer wieder neu zur Diskussion zu stellen.
Für die Skulpturensammlung im neuen Albertinum beginnt die Moderne mit Werken des französischen Bildhauers Auguste Rodin (1840-1917). Mit Rodin, der sich dem vorherrschenden idealisierenden Akademismus widersetzte und sich in neuen Darstellungsformen probierte, wird schließlich das Zeitalter der modernen Plastik und Skulptur eingeläutet. Er ist es auch, der als Vorbereiter für eine Vielzahl von Stilrichtungen gilt, die sich im 20. Jahrhundert herauskristallisiert haben. Die in der Ausstellung einem öffentlichen Publikum gezeigten Werke der klassischen Moderne und der Skulptur nach 1945 spinnen den Grundgedanken Rodins – die Subjektivität der Kunst – bis ins Heute weiter. Auf die Kunst in der DDR wird mit Werken zum Beispiel von Wieland Förster, Werner Stötzer und Helmut Heinze in besonderer Weise eingegangen.
Auch die Galerie Neue Meister eröffnet den Rundgang durch ihre Ausstellungsräume mit einem Vorreiter der Moderne – mit Caspar David Friedrich (1774-1840), dem bedeutendsten deutschen Künstler der Romantik. Wie Rodin steht auch Friedrich für Aufbruch. An Stelle der Weltlandschaft in barocker Tradition tritt die persönlich empfundene Landschaft. Auf Friedrich folgen in chronologischer Reihenfolge weitere Romantiker (Carus, Dahl, L. Richter), französische und deutsche Impressionisten (Monet, Degas, Liebermann, Slevogt), Expressionisten (Dix) mit den Brücke-Künstlern (Kirchner, Schmidt-Rottluff) sowie Vertreter der Dresdner Sezession (Kretzschmar, Lohse). Der Rundgang endet mit Gerhard Richter, der bei der Inszenierung der beiden Ausstellungsräume persönlich mitwirkte. Erstmalig wird auch den Künstlern A. R. Penck und Georg Baselitz jeweils ein vollständiger Raum gewidmet. Völlig neu ist auch der Bereich „Kunst im geteilten Deutschland/ Kunst nach 1989“, in dem von Raum zu Raum Kunst der DDR und BRD (Tübke, Mattheuer, Polke, Fruhtrunk, Tadeusz) bzw. ostdeutscher- und westdeutscher Künstler (Havekost, Rauch, Knobloch, Kahrs) gegenübergestellt werden. Neue Medien in Form von (Klang-Video-) Installationen und Videofilmen, aufgestellt und abgeschirmt, dass sie die anliegenden Ausstellungsräume nicht beschallen, finden sich in beiden neuen Museumskonzeptionen wieder. Dass man die Werke der Romantik in unmittelbarer Nachbarschaft mit zeitgenössischer Kunst erleben kann und diese deshalb anders wahrnimmt, ist eine der Besonderheiten des Albertinums.
Die modern gestalteten Säle nehmen aber nicht nur die Gemälde von der Romantik bis zur Moderne und Skulpturen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart auf, Epochen. Das Herzstück der Skulpturensammlung – die Antiken-Sammlung mit Skulpturen wie dem „Dresdner Knaben“ sowie Vasen, Bronzen und Terrakotten – wird eine neue Aufstellung in der Osthalle der Gemäldegalerie Alte Meister finden, die einst von Gottfried Semper für antike Skulpturen entworfen wurde und wo derzeit noch Kunstschätze der Rüstkammer bis zu ihrer Rückkehr ins Schloss präsentiert werden. Bis es soweit ist, kann man sich in einem experimentellen Schaudepot im Albertinum einen Vorgeschmack holen. Unter Berücksichtigung neuester Forschungen werden dort exemplarische Originalskulpturen und Abgüsse für den Besucher in Szene gesetzt.
Die zwei Museen sind jedoch keineswegs hermetisch von einander abgeriegelt. Stattdessen treten die zwei traditionsreichen Einrichtungen und deren Kunst in Dialog mit einander, ergänzen und begegnen sich. Bestes Beispiel dafür sind der Klinger- und Mosaiksaal. Der Klingersaal – als sinnlicher Epochenraum konzipiert – befasst sich eingehend mit der Kunst des Fin de Siècle, dem Zeitalter von Wagner und Mahler, was durch das Zusammenspiel von Werken von Arnold Böcklin und Max Klinger bis zu Sascha Schneider veranschaulicht wird. Der Mosaiksaal hingegen widmet sich dem großen Thema Moral anhand von Skulpturen des Klassizismus mit einem Schwerpunkt Ernst Rietschel.
Nichts anderes als Rodins vielzitiertes Selbstverständnis, „eine Brücke zwischen gestern und morgen“ zu sein, umschreibt den Gesamtcharakter des neuen Albertinums wohl besser.