Forschungsprojekt der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung
zur Geschichte der Staatlichen Sammlungen für Wissenschaft und Kunst bzw. der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zwischen 1918 und 1989
Hans Posse, von 1910 bis zu seinem Tod 1942 Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, wurde 1939 von Adolf Hitler zum Sonderbeauftragten für ein geplantes, nie realisiertes „Führermuseum“ in Linz ernannt. Der politisch unbedarfte Posse erlag der Verführung, mit nahezu unbegrenzten Mitteln ein Museum aufzubauen, das sich an Wien oder München messen sollte. Posse und sein Nachfolger Hermann Voss reisten durch halb Europa, um Bilder zu erwerben – legal auf dem Kunstmarkt, aber auch aus enteigneten jüdischen Sammlungen. Dresden wurde zur Kunst-Drehscheibe. Gemälde und Grafiken, die für Linz bestimmt waren, kamen zur Dokumentation und Restaurierung hierher, bevor sie in bayerische und österreichische Depots weiterwanderten. Durch diese Verwicklung nimmt Dresden eine Sonderstellung unter den deutschen Museen ein und hat besondere Verantwortung im Umgang mit verfolgungsbedingt entzogenem jüdischen Kunstbesitz. Dies war Anlass und Ausgangspunkt für die Staatlichen Kunstsammlungen, sich systematisch mit ihrer Geschichte im 20. Jahrhundert zu befassen.
In Zusammenarbeit mit der TU Dresden wurde das Forschungsprojekt „Geschichte der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden von 1918 bis 1989 - Das Museum in totalitären Systemen” konzipiert. Untersucht wird dabei die grundsätzliche Problematik der Instrumentalisierung für politische und ideologische Zwecke und die Rolle der Museumsmitarbeiter. Ohne NS-Diktatur und DDR gleichzusetzen stellt sich für beide Systeme die Frage nach der Funktion des Museums unter totalitären Bedingungen.
Dies gilt beispielsweise für die Aussonderung „entarteter Kunst“ aus den Sammlungen ab 1933, von der z.B. Oskar Kokoschkas „Macht der Musik” oder Otto Dix’ „Schützengraben” betroffen waren, aber auch für die ideologische und logistische Kriegsvorbereitung in den Museen.
Im Mai 1945 wurde der Großteil der Dresdner Museumsbestände durch die Rote Armee beschlagnahmt. Jahrelang waren die Kunstsammlungen nun Einrichtungen fast ohne Objekte und zum Teil ohne Behausung. Wie sie mit dieser schwierigen Lage umgingen wird genauso zu erforschen sein wie die Begleitumstände der Rückkehr eines Teils der Kunstschätze aus der Sowjetunion und die Suche nach noch fehlenden Werken.
Im Zuge der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone erfolgte die sog. Schlossbergung, die Auflösung von Schlössern und Landsitzen. Sie konfrontierte die Kunstsammlungen mit der Aufgabe, zahlreiche Objekte, vom Barockschrank bis zum Tafelgeschirr, in Verwahrung zu nehmen.
Für die Nachkriegszeit wird es auch von Interesse sein, wie die Kunstsammlungen mit den Erwartungen von Staat und Partei umgingen, wie sie sich zum angeordneten Verkauf von Werken aus Sammlungsbesitz verhielten und wie sie ihr Profil gestalteten. Das Kupferstich-Kabinett z.B. lotete Möglichkeiten aus, unangepasste Kunst aus dem In- und Ausland zu sammeln.
Das sind nur einige Themen, die in dem Forschungsprojekt auf Grundlage schriftlicher Quellen und durch Befragung von Zeitzeugen bearbeitet werden. Die wissenschaftliche Untersuchung der jüngsten Vergangenheit ist, gerade in der aktuellen museumspolitischen Diskussion, von großer, über Dresden hinaus reichender Bedeutung. Diese besonderen Kapitel in der langen, glanzvollen Geschichte der Staatlichen Kunstsammlungen werden nach Abschluss der Forschungen transparenter erscheinen.
Die Fritz Thyssen-Stiftung für Wissenschaftsförderung in Köln hat erfreulicherweise für zunächst zwei Jahre die Finanzierung des Forschungsprojektes übernommen, das unter der Leitung des Kunsthistorikers Dr. Gilbert Lupfer steht und das in enger Kooperation mit den kunstwissenschaftlichen, historischen und soziologischen Instituten der TU Dresden erfolgen wird.